10 Goldene Regeln für den Öffentlichen Nahverkehr in Berlin

  1. Immer erst in die U-Bahn, S-Bahn oder Straßenbahn einsteigen, bevor Du die anderen aussteigen lässt.
  2. Auf keinen Fall im Wagen durchgehen. Der Pfropf im Eingangsbereich vermittelt die menschliche Wärme, für die wir hier in Berlin berühmt sind.
  3. Bleibe direkt am Fuß einer Rolltreppe stehen, wenn du Dich orientieren musst. Touristen weisen sich bitte noch durch das langsame Entfalten eines zwei Quadratmeter großen Stadtplans aus.
  4. Fang erst an, Dich wie ein Footballspieler durch die Menge zu boxen, wenn das berühmte „Zurückbleiben bitte“ (sprich: „zrckbleim bitte“) ertönt. Es könnte die letzte U-Bahn vor der Apokalypse sein.
  5. Verhalte Dich solidarisch, wenn Du das Leittier Deine Gruppe bist. Sprinte vor und halte die Tür für diejenigen offen, die gerade noch in der Schlage vor dem Kiosk stehen.
  6. Wenn Du in einer Gruppe unterwegs bist, bewege Dich möglichst geschlossen und langsam. Lass nie zu, dass Du überholt wirst oder sich ein Fremder durch die Gruppe schlängelt.
  7. Nimm Dir was Warmes zu essen mit! Die Reise ist lang und Berlin ist eine Stadt, in der es nur wenige Restaurants und Imbisse gibt! Die Nasen Deiner Mitreisenden werden dadurch immer wieder aufs Neue mit einer originellen Mischung aus China-Pfanne, Ketchup und Gammelfleisch gekitzelt.
  8. Lass andere wissen, was für einen Musikgeschmack Du hast. Schliesse kleine Boxen an Dein Handy an und liefere Dir einen Wettstreit mit den drei anderen, die auch nicht wissen, wie Kopfhörer funktionieren. Den Mix aus Rap, Techno und Streetpunk findet man sonst in keiner Disco!
  9. Teile Dein Intimleben! Ob am Handy oder im öffentlichen Gespräch – es interessiert alle, dass Dein Freund es letzte Nacht nicht gebracht hat, wie lange Deine Freundin schon ihre Tage hat oder wie die Stelle um Dein entzündetes Intimpiercing genau aussieht!
  10. Das Wort „Infektion“ kommt aus dem lateinischen „inficio“ und bedeutet soviel wie „hineintun“. Also tu auch Du Deine Viren und Bakterien hinein in die große Petrischale des ÖPNV. Niesen, Husten oder der berühmte „Charlottenburger“ (i.e. ein Nasenloch zuhalten und das andere kräftig durchpusten) sorgen bei anderen für ein paar erholsame Tage im trauen Kuschelbett und die eine oder andere Dissertation in Bakteriologie.
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Entschuldigung zum 50.

Heute zwei Frauen in der U2. “Ich hab ja schon etwas Bammel vor diesem Jahr – in drei Monaten werde ich 50.” Darauf die andere: “Och, damit kann man prima ganz viel entschuldigen…”

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Die Saat ist aufgegangen

Es waren natürlich ganz sofort die Islamisten und Al-Quaida. So funktioniert seit demelftenseptember der Beißreflex der Mehrheitsgesellschaft. Dann – Überraschung: ein junger norwegischer Staatsbürger, der erst aus „dem Nichts“ kam, sich selbst als Christ bezeichnet, wohl Freimaurer ist und rechtsradikal. Weder Freimaurer noch Christen, die von ihrer Weltanschauung überzeugt sind, ermorden Menschen. Rechtsradikale schon. Und aus dem Nichts kam die Tat des Anders Breivik nicht.

Sie ist gewachsen auf einer viel zu hohen Toleranzschwelle der Gesellschaft gegenüber denen, die einer freien und vielfältigen Gesellschaft ablehnend, ja, feindlich gegenüberstehen. Und wenn ich mich in Deutschland umsehe, haben viele Parteien, haben sogar die Kirchen Einzelpersonen oder Gruppen, die der multikulturellen Gesellschaft und der Religionsfreiheit feindlich gegenüberstehen. Bei der CDU gehört das ganze zum Grundsatzprogramm. Die SPD hat ihren Thilo Sarrazin behalten. Die Linken erlauben es sich, über Antisemitismus zu streiten. Die römisch-katholische Kirche hat die Piusbruderschaft, die nun nachweislich nichts von Religionsfreiheit hält, wohlwollend wieder aufgenommen. Die Evangelische Kirche unterstützt oder toleriert ProChrist, Christival und die Evangelische Allianz, ebenfalls Gruppierungen, die sich am politisch rechten Rand bewegen und nicht für eine offene und tolerante Gesellschaft plädieren.

Die braune Ideologie marschiert nur noch in kleinen, wenig beachteten NDP-Kolonnen durch die Strassen, sie hat es auch gar nicht mehr nötig. Sie hat es sich längst auf dem bürgerlichen Sofas derjenigen bequem gemacht, die die Springer-Presse in Wort und Fernsehbild konsumieren wie das täglich Brot. Leise und unauffällig sitzt sie in der Ecke. Sie gibt das Zeichen zum klammheimlichen Applaus, wenn wieder ein Asylantenheim brennt. Sie ermuntert zur Empörung, wenn in der Nachbarschaft eine Moschee gebaut werden soll. Sie spukt auch längst im Internet, aus dem oft kritiklos zitiert wird. Kaum jemand weiß noch, was Wissen eigentlich ist: nachprüfbares Quellen(!)material und nicht das Abgeschriebene vom Abgeschriebenen, das verkürzt übernommen wurde aus einem Buch, welches ohne Lektorat auf einer privaten Homepage hochgeladen wurde. Sie bestätigt uns in unseren Vorurteilen, die einfach gemütlich sind.

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen…“ – mit diesem Satz wird die hoch zu schätzende Meinungsfreiheit ausgenutzt, um Vorurteile zu verbreiten, die aus dem 19. Jahrhundert stammen: Charakter und Intelligenz sind plötzlich wieder genetisch bedingt und an bestimmte Volksgruppen geknüpft. Dem Abendland droht eine „Überfremdung“, das Christentum ist dem Untergang geweiht und mit ihm unsere gesamte Kultur. Undosweiter…

Vorurteile aber sind keine Meinung, eine Meinung bildet an sich durch Nachdenken und Dialog mit dem ganz anderen Gegenüber. Vorurteile sind einfach Vorurteile und gehören entkräftet durch eine transparente, aufgeklärte und demokratische Gesellschaft, für die der norwegische Ministerpräsident dankenswerterweise noch mal nachdrücklich plädiert hat.

Der rechte Terror wächst auf dem Boden der Bequemlichkeit und wir düngen diesen Boden überall mit da wo wir es ohne Widerstand erlauben, dass andere Religionen und Kulturen im Namen einer scheinbar überlegenen nordeuropäischen, vorgeblich christlichen Gesellschaft abgewertet werden und wo wir menschenfeindlichen Parolen nicht mutig, fest und gewaltfrei entgegenstehen. Die Saat der unter demokratischem Deckmantel agierenden Hetzer ist aufgegangen. Eine reiche Ernte wurde von Anders Breivik eingefahren: über 90 Tote! Und wenn wir nicht Acht geben, wird es noch viel mehr Opfer von rechtsextremen Terroristen geben.

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Voll unterm Arm

Es gibt Leute, denen ist wenig heilig. Schon gar nicht die Intimsphäre anderer Menschen. Und schon überhaupt gar nicht die eigene.

Da sitze ich neulich neben einem jungen Mann in der U-Bahn, er ist auffallend modisch gekleidet und riecht, als wenn er gerade bei einer großen Parfümeriekette das Angebot „Come In and Find Out“ sehr strapaziert hätte – sprich: wie ein malaysischer Meerscheinchenpuff.

Da klingt es plötzlich – „Like a Virgin“, der junge Mann geht brav an sein Handy und ich werde unfreiwilliger Ohrenzeuge seines Gespräches:

„Ach, schon besser… Frau Doktor sagt, dass das Ekzem noch nicht abgeheilt ist… es nässt halt noch so etwas rot und gelb… Wahrscheinlich nicht… Ich kann grad nicht ausgehen, weil ich mich noch nicht unter den Armen rasieren kann… Ja, mal sehen… Dann komm doch um acht vorbei, dann zeig ich Dir mal, wie das aussieht… ich finde, das sieht echt fies aus und jedes Mal, wenn ich den Arm bewege, nässt es auch…das gelbe ist wohl der Eiter und das rote Blut, sagt Frau Doktor… irgendwie hilft diese Salbe nicht…“

Ich erspare den geneigten Leser/innen weitere dermatologische Details und mir auch, denn ich muss aussteigen.

Und weil dem jungen Mann die Schulmedizin nicht hilft, gebe ich ihm einen naturmedizinischen Rat: „Einfach draufpinkeln, dann geht’s weg…“

Er sieht mich entsetzt an: „Du bist ja ekelig!!!“

„Aber Du…“ denke ich still und gehe meiner Wege.

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Abenteuerliche Amy

Amy stand an der Tankstelle in Köpenick, als ich mit meinem Kollegen Anfang dieses Sommers morgens um 6 Uhr nach Dresden wollte. Stiefel bis zu den Knien, einen sehr kurzes, enges Kleidchen, Rock, Sonnenbrille, lange Haare und rote Lippen. Und eine sehr große Handtasche.

Ob wir sie mitnehmen könnten nach Dresden. Na klar, mein Kollege ist da nicht so und mich stört nette Gesellschaft auch nicht. Und Amy machte einen zweifellos sympathischen Eindruck.

Natürlich ergeben sich im Laufe der Fahrt Gespräche. Amy kommt aus Kansas in den USA, worauf sich bei meinem Kollegen eine Bildungslücke auftat: er hatte noch nie „The Wonderful Wizard of Oz“ gesehen. Amy studiert Operngesang und Französische Sprache und wohnt gerade in Berlin.

Amy wollte allerdings nicht nach Dresden, sondern nach „Lion“. Sie sprach es aus wie das englische Wort für „Löwe“. „Lion“? „Lion in Fraance“, sagte sie mit ihrem etwas eigenartigen Akzent. „Lyon“ – nun begriff ich es. Per Anhalter? Per Anhalter! So einen Anhalter-Trip durch Europa fanden wir aufregend. Wann sie denn dort sein wollte? Heute nacht, da sei ein Techno-Festival, was sie nicht verpassen wolle.

Von Berlin nach Lyon sind es ca. 1.200 km. Und der kürzere Weg führt über Leipzig. Aber Amy, die abenteuerliche Amy, machte sich auf den Weg über Dresden, nur getragen nur von der Hoffnung, heute abend noch anzugelangen bei ihren Freunden im fernen, schönen Lyon.

In Dresden haben wir sie dann auf ihren Wunsch an einer Tankstelle mit besten Wünschen wieder verabschiedet. Zurück bleib von ihr nur ein leiser Hauch ihres Parfums. Und der Gedanke, dass ich es auch mal wagen möchte, einfach aufzubrechen, nur mit einer Tasche auf dem Rücken und der Hoffnung im Herzen, anzukommen an einem Ziel, das ich mir noch aussuchen muss…

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Evangelikale – persönliche Anmerkungen zu einem Randphänomen des christlichen Glaubens

Ich bin getauft, Evangelikale sind getauft. Wir gehören alle zur Gemeinschaft der Heiligen. Ich muss sie nicht von Herzen lieben, aber respektieren sollte ich sie. Wenn ich meine, dass sie nicht zur Kirche gehören, mache ich schon den Fehler, genauso zu denken wie sie.

Wir haben beide die Bibel als Grundlage unseres Glaubens. Jeder liest sie anders. Auch jeder Evangelikale liest sie anders. Sonst gäbe es dort nicht so viele Splittergruppen, die sich in gar nicht christlicher Nächstenliebe beharken. Die meisten Evangelikalen glauben aber, dass die Bibel per Fax vom Himmel gekommen ist und keine Widersprüche enthält.

Keine Widersprüche? Zwei Beispiele: Wer war denn nun als erstes am Ostermorgen beim Grab Jesu? „Maria von Magdala und die andere Maria“, so wie es Matthäus beschreibt (28,1) oder Maria von Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus und Salome (Markus, 16, 1) oder doch nur Maria von Magdala (Johannes 20,1)? Wie deckt sich die Aussage, dass Hasen Wiederkäuer sind, wie es in 3. Mose 11, 6 geschrieben steht, mit meiner Beobachtung, dass dem definitiv nicht so ist?

Letztlich aber bringt es nichts, darüber zu diskutieren, ob Gott die Bibel höchstpersönlich geschrieben hat oder ob dort die Geschichten stehen, die Menschen mit Gott erlebt haben. Würden Evangelikale zugeben, dass in den Texten der Bibel einiges im Argen liegt, würde ihr gesamtes Gedankengebäude einstürzen. Denn nur auf diesem einen Buch beruht ihr Glaube. Mir ist das zu wenig. Ich brauche das Gespräch, die dialogische Beziehung mit Gott und anderen Menschen über Gott.

Viele Evangelikale pochen immer einerseits auf die Rechtfertigung durch den Glauben, andererseits vertreten sie auch eine sehr enge Werkgerechtigkeit, Aus ihrer Sicht muss man gute Werke tun und glauben, nur dann kommt man in den Himmel. Das widerspricht aber der evangelischen Rechtfertigungslehre: der Glaube allein erlöst. Nur aus dieser Rechtfertigung durch den Glauben kann und soll ich auch Gutes tun. Wenn ich mich für einen fröhlichen, lebensbejahenden Glauben entscheide, der den Nächsten nie vergisst, sollte mir nichts passieren.

Viele Evangelikale halten sich für weniger sündig als der Rest der Christenheit. Aber auf der anderen Seite nennen sie sich „evangelisch“. „Simul iustus et peccator – gleichzeitig Sünder und Gerechter“ sagt Luther. Neudeutsch: Wir sind alle kleine Sünderlein und gleichzeitig Engelchen. Sollten mich Evangelikale daher irgendwelcher Sünden zeihen, mache ich sie sanft darauf aufmerksam, dass sie gerne einen Stein aufheben und mir an den Kopf werfen können, nachdem sie mir ihren „Sündenfrei“-Persilschein gezeigt haben. Bis jetzt habe ich noch keine Platzwunde am Kopf…

Viele Evangelikale stellen einige Sünden als besonders verabscheuungswürdig heraus. Ganz besonders schlimm sind für sie die (angeblichen) Sünden, die sich um das Thema „Sexualität“ drehen. Auch wenn Sexualität einvernehmlich und unter Erwachsenen Menschen verantwortungsvoll geteilt wird. Dabei gibt es Dinge, die genauso schlimm oder viel schlimmer sind: Lügen. Oder jemanden töten. Oder um Goldene Kälber wie “Mammon” tanzen. Meine Vermutung bezüglich Evangelikalen und Sexualität ist eher: Wo die Sonne der Erotik niedrig steht, werfen Zwerge lange Schatten… Gott hätte Sexualität mit dem Gefühl verbinden können, was ich am Montagmorgen um 10 Uhr nach einer durchzechten Nacht habe, obwohl ich eigentlich schon seit zwei Stunden im Büro sitzen müsste. Warum hat er das bloß nicht so gemacht? Eben – weil Sex Spass machen soll. Und Sex macht komischerweise auch noch 70 oder 80jährigen Menschen Spass, die nun wahrhaft keine Kinder mehr bekommen können.

Viele Evangelikale wollen Einfluss auf die Politik nehmen und tun das auch schon mehr, als wir ahnen. Leider tun sie das nur in wenigen Bereichen, die sie für wichtig erachten. Solltest Du tatsächlich einen Evangelikalen treffen, der die zunehmende Entsolidarisierung der Gesellschaft bedenklicher findet als die Gleichberechtigung von homosexuellen Partnerschaften, möchte ich den auch kennen lernen.

Viele Evangelikale schwärmen von Massenevents wie „ProChrist“ oder „Christival“. Nun ist Masse nicht gleich Klasse. Und  Letztlich treffen sich dort weniger Leute als es scheint. Die, die sich treffen, tun das nur, um sich zwischen den Auftritten diverser Sacro-Pop-Bands gegenseitig mit einem leicht irren Grinsen zu bestätigen, wie toll ihr Glaube ist. Massenaufmärsche von Menschen, die alle eine Meinung haben, sind sind mir aber unter anderem wegen der jüngsten deutschen Vergangenheit suspekt.

Viele Evangelikale meinen, der Islam ist eine Gefahr für unsere Gesellschaft. Da der fundamentalistische Islam und das fundamentalistische Christentum beide letztendlich für einen Gottesstaat plädieren und der parlamentarischen Demokratie eher ablehnend gegenüber stehen, sind aus meiner Sicht beide eine gleichgroße Gefahr für die freiheitliche Gesellschaft. Sie unterscheiden sich nur in der Richtung, in die sie ihre Gebete loslassen. Ich kann mich mit einem liberalen Iman besser über Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung unterhalten als mit einem evangelischen Hardliner.

Viele Evangelikale leben in der Erwartung, dass das Jüngste Gericht schon morgen anbrechen kann oder sind so gut in Mathe, dass sie einen genauen Termin errechnet haben. Das ist mir herzlichst egal. Angenommen, der Messias kommt. Wenn er mich bei der Arbeit antrifft, wird er das sehr cool finden. Wenn der Messias mich ängstlich Gebete plappernd in einer Ecke kauern sieht oder er sich meine Quengelei anhören muss, wo er denn nun die ganze Zeit gewesen ist, wo es doch so chaotisch hier aussieht, wird er vermutlich eher genervt reagieren.

Viele Evangelikale meinen, dass sie neben dem Datum auch noch den genauen Ablauf und den Ausgang des Jüngsten Gerichtes vorhersehen könnten. Ich kann ihnen von ganzen Herzen gratulieren: sie haben göttliches Vollwissen. Ob diese Haltung Gott gegenüber nicht etwas arrogant ist, steht wieder auf einem anderen Blatt.

Viele Evangelikale meinen, dass ich kein guter oder gar kein „echter“ Christ bin, weil ich nicht genauso denke und handele wie sie. Nun gibt es weder ein irdisches noch ein göttliches „Echtheitszertifikat“ für Christenmenschen. Und niemand ist ein schlechterer Christ, weil sie eine Frau bist, nicht jeden Sonntag zu einem Gottesdienst geht, Spaß an unreproduktivem Sex hat oder die Evolutionstheorie mit dem Glauben an Gottes Schöpfermacht in Einklang bringen kann!

Ich bin nicht besser und nicht schlechter. Ich bin ich. Mit meinem Glauben und meinen Zweifeln. Ich möchte einfach dazu beitragen, dass die Kirche so bunt und vielfältig ist, wie das der Heilige Geist in der Apostelgeschichte beabsichtigt hat. Deshalb bin ich auch nach wie vor Angehöriger der Firma “Vater, Sohn & Heiliger Geist”. Damit ich etwas bewege mit anderen und für andere. Und damit diese Kirche offen für alle und fröhlich die Verheissung  der Freiheit durch die Liebe Gottes verkündet.

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Nur keine Angst

Eine kleine Einführung für Neu-Berliner oder Touristen

Wer in Berlin die ersten Tage überleben will, darf vor allem eines nicht haben: Angst. Nein, ich meine jetzt nicht furchtsame Um-Sich-Blicken, wenn man nachts allein durch Marzahn geht oder die Angst, plötzlich von einem Haufen DemostrantInnen mit „Keine Macht für alle!“ Transparenten und entsprechendem Polizeiaufgebot (ungefähr 3 Polizisten auf einen Demonstranten) umzingelt zu werden.  Es ist vielmehr die Angst die schon morgens beim Blick aus dem Fenster bei der Frage einsetzen kann, wie denn das Wetter wird. Denn ebenso sibirisch wie die Winter und tropisch wie die Sommer überfallen plötzliche Gewitterregen oder Eisstürme den ahnungslosen Neuling wie plötzliche Horden japanischer Touristen in der U-Bahn.

Wobei wir schon bei der nächsten Angstkiste sind: den öffentlichen Verkehrsmitteln. Nicht nur eine überdurchschnittliche Platzangstschwelle, sondern vor allem keine Furcht vor Nähe sollte man haben, wenn zwischen 7 und 9 Uhr bzw. 16 und 18 Uhr unterwegs ist. Hier überschreitet jeder Mitfahrender zwangsweise die Grenzen des Menschen, der, psychologischen Untersuchungen zufolge, immer ein Mindestmaß an Abstand zu seinem Nächsten braucht, um sich Wohlzufühlen. Aber auch wenn dieser Abstand gegeben ist und auch wenn die Ohren mit musikalischer Privatbeschallung verstöpselt und die Augen mit guter Lektüre verstellt sind – gegen Gerüche kann man sich nicht schützen. Oft rammt sich eine hochexplosive Mischung in die empfindlichen Nasenlöcher des frischluftgewohnten Landbewohners: der aggressive Schweißgeruch des Nachbarn mischt sich mit dem aufdringlich-süßen Parfum der pompösen Dame gegenüber. Das olfaktorische Sahnehäubchen dazu bildet meistens noch mindestens eine umgefallene Bierdose pro Wagen, die ihren Inhalt durch das Rattern der U-Bahn gleichmäßig auf dem PVC-Boden verteilt. Selbst der alte Trick mit dem durch-den-Mund-atmen nutzt im Sommer so gut wie nichts. Es hilft nur eines: Tief einatmen – nach 3 Stationen riecht man fast nichts mehr.

Auch vor Menschenmassen auf der Strasse – keine Angst! Ein freundliches „Darf ich mal bitte hier durch!“ (sprich: „Kann ick hier ma vorbei?“) wird meist mit einem ebenso freundlichen „Aber gerne doch!“ (sprich bzw. bemerke: wortloses beiseitegehen) beantwortet.

Und auch den in meiner alten Heimat viel gehörte Einwand: „Aber Berlin ist doch so groß…“ kann ich mittlerweile nur mit einem lässigen „Das ist relativ!“ beantworten. Natürlich ist Berlin groß für Leute, die sich innerhalb von sechs Monaten blind einer Kleinstadt wie Göttingen bewegen können, ohne über einen Hindernis (Hundehaufen nicht eingerechnet) zu stolpern und dann meinen, sie könnten „mal eben“ nachts heiter von der Kneipentour in Schöneberg nach Kreuzberg zum Quartier spazieren. Wer in Berlin wohnt, kennt vor allem eines: „seinen“ Stadtteil: der Prenzlauer Berg hat genauso viele Einwohner wie oben genannte Stadt – eigentlich sind nur die Häuser höher. Hier findet sich alles, was Mensch zum Leben braucht – vom kasachischen Spezialitätenladen über exotische Kleidung bis zur 24-Stunden Tankstelle.

Es mag noch einiges geben, was für den Nicht-Berliner gegen Berlin spricht, aber es sei zum guten Schluss vom Anfang Anneliese Becker zitiert: „Die Berliner sind unfreundlich und rücksichtslos, ruppig und rechthaberisch, Berlin ist laut, abstoßend, dreckig und grau; Baustellen, verstopfte Strassen wo man geht und steht, aber mir tun alle Menschen leid, die nicht hier leben können.“

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