Ich bin getauft, Evangelikale sind getauft. Wir gehören alle zur Gemeinschaft der Heiligen. Ich muss sie nicht von Herzen lieben, aber respektieren sollte ich sie. Wenn ich meine, dass sie nicht zur Kirche gehören, mache ich schon den Fehler, genauso zu denken wie sie.
Wir haben beide die Bibel als Grundlage unseres Glaubens. Jeder liest sie anders. Auch jeder Evangelikale liest sie anders. Sonst gäbe es dort nicht so viele Splittergruppen, die sich in gar nicht christlicher Nächstenliebe beharken. Die meisten Evangelikalen glauben aber, dass die Bibel per Fax vom Himmel gekommen ist und keine Widersprüche enthält.
Keine Widersprüche? Zwei Beispiele: Wer war denn nun als erstes am Ostermorgen beim Grab Jesu? „Maria von Magdala und die andere Maria“, so wie es Matthäus beschreibt (28,1) oder Maria von Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus und Salome (Markus, 16, 1) oder doch nur Maria von Magdala (Johannes 20,1)? Wie deckt sich die Aussage, dass Hasen Wiederkäuer sind, wie es in 3. Mose 11, 6 geschrieben steht, mit meiner Beobachtung, dass dem definitiv nicht so ist?
Letztlich aber bringt es nichts, darüber zu diskutieren, ob Gott die Bibel höchstpersönlich geschrieben hat oder ob dort die Geschichten stehen, die Menschen mit Gott erlebt haben. Würden Evangelikale zugeben, dass in den Texten der Bibel einiges im Argen liegt, würde ihr gesamtes Gedankengebäude einstürzen. Denn nur auf diesem einen Buch beruht ihr Glaube. Mir ist das zu wenig. Ich brauche das Gespräch, die dialogische Beziehung mit Gott und anderen Menschen über Gott.
Viele Evangelikale pochen immer einerseits auf die Rechtfertigung durch den Glauben, andererseits vertreten sie auch eine sehr enge Werkgerechtigkeit, Aus ihrer Sicht muss man gute Werke tun und glauben, nur dann kommt man in den Himmel. Das widerspricht aber der evangelischen Rechtfertigungslehre: der Glaube allein erlöst. Nur aus dieser Rechtfertigung durch den Glauben kann und soll ich auch Gutes tun. Wenn ich mich für einen fröhlichen, lebensbejahenden Glauben entscheide, der den Nächsten nie vergisst, sollte mir nichts passieren.
Viele Evangelikale halten sich für weniger sündig als der Rest der Christenheit. Aber auf der anderen Seite nennen sie sich „evangelisch“. „Simul iustus et peccator – gleichzeitig Sünder und Gerechter“ sagt Luther. Neudeutsch: Wir sind alle kleine Sünderlein und gleichzeitig Engelchen. Sollten mich Evangelikale daher irgendwelcher Sünden zeihen, mache ich sie sanft darauf aufmerksam, dass sie gerne einen Stein aufheben und mir an den Kopf werfen können, nachdem sie mir ihren „Sündenfrei“-Persilschein gezeigt haben. Bis jetzt habe ich noch keine Platzwunde am Kopf…
Viele Evangelikale stellen einige Sünden als besonders verabscheuungswürdig heraus. Ganz besonders schlimm sind für sie die (angeblichen) Sünden, die sich um das Thema „Sexualität“ drehen. Auch wenn Sexualität einvernehmlich und unter Erwachsenen Menschen verantwortungsvoll geteilt wird. Dabei gibt es Dinge, die genauso schlimm oder viel schlimmer sind: Lügen. Oder jemanden töten. Oder um Goldene Kälber wie “Mammon” tanzen. Meine Vermutung bezüglich Evangelikalen und Sexualität ist eher: Wo die Sonne der Erotik niedrig steht, werfen Zwerge lange Schatten… Gott hätte Sexualität mit dem Gefühl verbinden können, was ich am Montagmorgen um 10 Uhr nach einer durchzechten Nacht habe, obwohl ich eigentlich schon seit zwei Stunden im Büro sitzen müsste. Warum hat er das bloß nicht so gemacht? Eben – weil Sex Spass machen soll. Und Sex macht komischerweise auch noch 70 oder 80jährigen Menschen Spass, die nun wahrhaft keine Kinder mehr bekommen können.
Viele Evangelikale wollen Einfluss auf die Politik nehmen und tun das auch schon mehr, als wir ahnen. Leider tun sie das nur in wenigen Bereichen, die sie für wichtig erachten. Solltest Du tatsächlich einen Evangelikalen treffen, der die zunehmende Entsolidarisierung der Gesellschaft bedenklicher findet als die Gleichberechtigung von homosexuellen Partnerschaften, möchte ich den auch kennen lernen.
Viele Evangelikale schwärmen von Massenevents wie „ProChrist“ oder „Christival“. Nun ist Masse nicht gleich Klasse. Und Letztlich treffen sich dort weniger Leute als es scheint. Die, die sich treffen, tun das nur, um sich zwischen den Auftritten diverser Sacro-Pop-Bands gegenseitig mit einem leicht irren Grinsen zu bestätigen, wie toll ihr Glaube ist. Massenaufmärsche von Menschen, die alle eine Meinung haben, sind sind mir aber unter anderem wegen der jüngsten deutschen Vergangenheit suspekt.
Viele Evangelikale meinen, der Islam ist eine Gefahr für unsere Gesellschaft. Da der fundamentalistische Islam und das fundamentalistische Christentum beide letztendlich für einen Gottesstaat plädieren und der parlamentarischen Demokratie eher ablehnend gegenüber stehen, sind aus meiner Sicht beide eine gleichgroße Gefahr für die freiheitliche Gesellschaft. Sie unterscheiden sich nur in der Richtung, in die sie ihre Gebete loslassen. Ich kann mich mit einem liberalen Iman besser über Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung unterhalten als mit einem evangelischen Hardliner.
Viele Evangelikale leben in der Erwartung, dass das Jüngste Gericht schon morgen anbrechen kann oder sind so gut in Mathe, dass sie einen genauen Termin errechnet haben. Das ist mir herzlichst egal. Angenommen, der Messias kommt. Wenn er mich bei der Arbeit antrifft, wird er das sehr cool finden. Wenn der Messias mich ängstlich Gebete plappernd in einer Ecke kauern sieht oder er sich meine Quengelei anhören muss, wo er denn nun die ganze Zeit gewesen ist, wo es doch so chaotisch hier aussieht, wird er vermutlich eher genervt reagieren.
Viele Evangelikale meinen, dass sie neben dem Datum auch noch den genauen Ablauf und den Ausgang des Jüngsten Gerichtes vorhersehen könnten. Ich kann ihnen von ganzen Herzen gratulieren: sie haben göttliches Vollwissen. Ob diese Haltung Gott gegenüber nicht etwas arrogant ist, steht wieder auf einem anderen Blatt.
Viele Evangelikale meinen, dass ich kein guter oder gar kein „echter“ Christ bin, weil ich nicht genauso denke und handele wie sie. Nun gibt es weder ein irdisches noch ein göttliches „Echtheitszertifikat“ für Christenmenschen. Und niemand ist ein schlechterer Christ, weil sie eine Frau bist, nicht jeden Sonntag zu einem Gottesdienst geht, Spaß an unreproduktivem Sex hat oder die Evolutionstheorie mit dem Glauben an Gottes Schöpfermacht in Einklang bringen kann!
Ich bin nicht besser und nicht schlechter. Ich bin ich. Mit meinem Glauben und meinen Zweifeln. Ich möchte einfach dazu beitragen, dass die Kirche so bunt und vielfältig ist, wie das der Heilige Geist in der Apostelgeschichte beabsichtigt hat. Deshalb bin ich auch nach wie vor Angehöriger der Firma “Vater, Sohn & Heiliger Geist”. Damit ich etwas bewege mit anderen und für andere. Und damit diese Kirche offen für alle und fröhlich die Verheissung der Freiheit durch die Liebe Gottes verkündet.